Praxiseinstieg: «Alle machen jetzt agil»
Rolle: Du bist Mitglied der Geschäftsleitung der Schreinerei Aebi AG (erfundener Betrieb). Drei Vorhaben stehen an: die Halle (Baugesuch bewilligt), der Online-Küchenplaner (Nutzung unbekannt) und die Umstellung der Buchhaltung auf eine neue Software (gesetzliche Fristen, feste Abläufe). Frau Gerber (erfundene Person) sagt: «Alle machen jetzt agil, dann sollten wir das für alles.» Herr Aebi (erfundene Person) hält dagegen: «Wir haben bisher alles klassisch gemacht, und das hat funktioniert.»
Lage: Beide Argumente begründen die Wahl mit Gewohnheit oder Mode.
Auftrag: Überlege, nach welchen Kriterien man die Wahl begründen könnte.
Lernziele
- Sechs Kriterien für die Wahl des Vorgehens nennen und anwenden.
- Begründen, warum HERMES einen Entscheid nach Trend ablehnt.
- Erklären, wann ein hybrides Vorgehen sinnvoll ist.
Kriterien für die Wahl des Vorgehens
Was HERMES verlangt
In der Phase Initialisierung wird mit der Lösungsvariante auch entschieden, ob das Entwicklungsvorgehen agil oder klassisch abgewickelt wird. HERMES verlangt, dass diese Entscheidung fachlich und vorgehenstechnisch begründet ist und nicht bloss aktuellen Trends folgt. Wenn beide Vorgehen gebraucht werden, ist auch eine Kombination möglich, die in der Initialisierung ein Tailoring voraussetzt, also die Anpassung von Szenario und Strukturplan.
Sechs Kriterien
Für diesen Kurs gibt es eine einfache Liste. Jedes Kriterium wird mit 1 bis 5 Punkten bewertet, wobei 5 für «spricht stark für agiles Vorgehen» steht:
- Klarheit der Anforderungen: Je unklarer, desto agiler (5 = sehr unklar).
- Änderungsrate: Je häufiger sich Anforderungen ändern, desto agiler.
- Möglichkeit für Feedback: Wenn Nutzende früh etwas ausprobieren können, spricht das für agil.
- Lieferbarkeit in Teilen: Wenn sich nutzbare Teile früh liefern lassen, spricht das für agil.
- Verbindlichkeit von aussen: Festpreis, Gesetz, Bewilligung sprechen für klassisch (5 = wenig Zwang).
- Teamzugang: Wenn ein fester Kreis den grössten Teil der Zeit verfügbar ist, spricht das für agil.
Die Bewertung lesen
Die Summe liegt zwischen 6 und 30. Als Faustregel für dieses Beispiel: bis 14 Punkte spricht vieles für klassisch, ab 22 Punkten vieles für agil, dazwischen ist eine Kombination oder eine genaue Einzelprüfung angezeigt. Die Summe ersetzt nie die Begründung in Worten, sie macht Unterschiede sichtbar.
Das Beispiel
Aebi bewertet seine drei Vorhaben:
- Halle: 1, 1, 1, 1, 1, 3 gleich 8 Punkte: klassisch.
- Küchenplaner: 5, 5, 5, 5, 5, 4 gleich 29 Punkte: agil.
- Buchhaltungsumstellung: 2, 2, 2, 3, 1, 3 gleich 13 Punkte: eher klassisch, mit kurzen Zwischenprüfungen.
Hybrid in der Praxis
Hybrid bedeutet, dass Teile klassisch und Teile agil laufen. Typisch ist ein Vorhaben mit festem Rahmen, etwa Budget und Termin, in dem ein Teil in kurzen Schritten entwickelt wird. Nach HERMES bleibt der Projektrahmen klassisch, die Umsetzung kann agil sein: Die Phase Umsetzung wird als Black Box in das Projekt eingefügt, und der Projektleiter greift nicht in die Selbstorganisation ein.
Grenzen
Die Punkte sind Einschätzungen. Zwei Personen können verschieden bewerten, und das ist wertvoll, weil es die Diskussion eröffnet. Die Kriterien sind eine Auswahl; weitere wie Risiko, Teamerfahrung oder Unternehmenskultur können wichtig sein. Ein agiles Vorgehen ohne die Bereitschaft zu früher Rückmeldung führt zu den Nachteilen beider Seiten.
Zielkonflikt und Entscheidungskriterien
Klassisch gibt Planungssicherheit und Verbindlichkeit, agil gibt Lernen und Anpassungsfähigkeit. Je höher die Unsicherheit, desto stärker zählt das Lernen, je höher die Verbindlichkeit von aussen, desto stärker die Planung.
Geführtes Beispiel
Die Geschäftsleitung entscheidet: Halle klassisch, Planer agil mit festem Budget pro Schritt, Buchhaltung klassisch mit zwei Zwischenprüfungen. Die Begründung steht im Initialisierungsdokument, nicht im Bauchgefühl.
Mini-Fall und Prüfungsanker: Welches Vorgehen für welches Vorhaben?
Mini-Fall: Alle machen jetzt agil
Ausgangslage: Die Schreinerei Aebi AG (erfundener Betrieb) hat drei Vorhaben: die Halle (Baugesuch bewilligt, Festpreis), den Online-Küchenplaner (Nutzung unbekannt, Feedback früh möglich) und die Buchhaltungsumstellung (gesetzliche Fristen, teilbare Auswertungen). Frau Gerber (erfundene Person) will überall agil, Herr Aebi (erfundene Person) überall klassisch.
Entscheidungspunkt: Bewerte die Vorhaben mit den sechs Kriterien (Halle 8, Planer 29, Buchhaltung 13 Punkte), wähle je ein Vorgehen und begründe es. Formuliere eine Empfehlung mit Kriterium und Vorbehalt.
Musterlösung aufklappen
Bewertung: Halle 8 Punkte: klassisch. Küchenplaner 29 Punkte: agil. Buchhaltungsumstellung 13 Punkte: eher klassisch, mit kurzen Zwischenprüfungen.
Begründung: Bei der Halle sind Anforderungen klar, Änderungen teuer und die Vorgaben fix. Beim Planer sind Anforderungen unklar, Feedback ist früh möglich und Teile sind lieferbar. Bei der Buchhaltung binden Fristen, aber einzelne Auswertungen sind teilbar.
Beurteilung der Positionen: Frau Gerber und Herr Aebi begründen mit Mode oder Gewohnheit. HERMES verlangt eine fachliche Begründung, die in der Initialisierung festgehalten wird.
Empfehlung: «Halle klassisch, Planer agil mit festem Budget pro Schritt, Buchhaltung klassisch mit zwei Zwischenprüfungen. Kriterium: Unsicherheit gegen Verbindlichkeit. Vorbehalt: Die Punktzahlen sind Einschätzungen und werden nach dem ersten Drittel überprüft. Der Fall ist erfunden.»
Bewertungskriterien: Drei Punktzahlen oder Einordnungen, drei Begründungen, Beurteilung der Positionen, Hinweis auf die Initialisierung, Kriterium und Vorbehalt.
Typische Fehler
- Fehler: Das Vorgehen nach Mode zu wählen. Ursache: Der Reiz des Neuen oder der Druck der Branche. Folge: Ein Vorgehen ohne passende Grundlage. Korrektur: Kriterien nutzen und die Begründung festhalten.
- Fehler: Die Punktzahl als Befehl zu lesen. Ursache: Der Wunsch nach einer klaren Zahl. Folge: Einzelfälle werden übergangen. Korrektur: Die Summe mit der Begründung in Worten verbinden.
- Fehler: Hybrid ohne Rollenklärung. Ursache: Zwei Denkweisen sollen gefallen. Folge: Konflikte um Zuständigkeit. Korrektur: Rahmen und Umsetzung trennen.
Prüfungsanker
«Begründe die Wahl des Vorgehens.» Gute Antworten nennen die Kriterien (Klarheit, Änderungsrate, Feedback, Lieferbarkeit in Teilen, Verbindlichkeit von aussen, Teamzugang), den HERMES-Grundsatz der fachlichen Begründung statt Trend, die Möglichkeit hybrider Formen mit Tailoring in der Initialisierung und rechnen die Summe (8, 13 und 29 Punkte im Beispiel).
Entscheidungsregel: Erst Unsicherheit und Verbindlichkeit prüfen, dann wählen und die Begründung schriftlich festhalten.